Bernhard Meyer

Beinahe drei Jahrzehnte lang – sein halbes Leben – hat Bernhard Meyer für den Verband gearbeitet, ihn entwickelt, nachhaltig gestaltet und ihm ein Gesicht gegeben. Das ist in einem Dachverband, in dem viele, auch unterschiedliche Interessen aufeinander treffen kein leichtes Unterfangen. Dabei Kontinuität zu erzeugen, braucht mehr als Überzeugungskraft und Beharrlichkeit. Rückschläge und Rückschritte musste er hinnehmen und auch die Fähigkeit entfalten, auf Menschen zuzugehen. Selbst dort, wo Brücken zerstört schienen, tiefe persönliche Verletzungen einen Dialog unmöglich erscheinen ließen, konnte Bernd Meyer die Menschen abholen, um Einvernehmen zu gewinnen, um möglichst alle auf seinem Weg zu einem modernen und offenen Verband mitzunehmen. Auch als die Krankheit, die seit einem Jahr sein Leben prägte, keine Hoffnung auf Genesung mehr gewährte und er selber keine Zukunft mehr hatte, gab er denen, die ihm nahe standen Zuversicht, sorgte sich um andere, kümmerte sich und entwickelte Pläne und Perspektiven für den VDH. Als ich ihm bei einem Besuch am Krankenbett versicherte, dass sich viele um ihn sorgen und er uns sehr fehle, empörte er sich regelrecht; schließlich habe er alles geregelt, delegiert, vorbereitet …

Bernhard Meyer war ein Kämpfer. Anfang Dezember 2012 als die Krankheit ausbrach, ihn zunächst wahrhaftig zu Boden warf, steckte er sich selber Ziele, ohne sich dabei falschen Hoffnungen hinzugeben. Er arbeitete sich langsam wieder heran. Auch wenn er bis zuletzt – selbst vom Krankenbett aus – mit wirkte, stand für ihn im Januar 2013 die Rückkehr in sein Büro in der Geschäftsstelle im Fokus. So wie er auch in seinem Beruf wusste, dass es manchmal vieler kleiner Etappen und hin und wieder auch einer langen Weile bedarf, arbeitete er sich langsam aber beständig wieder heran.

So gelang es ihm, erst den Rollstuhl und dann die Krücken zu überwinden, wissend, dass ihm kein langes Leben mehr bevorstehen würde. Auf dem Weg zurück stellte für ihn der Besuch der „Hund & Heimtier“ im Mai 2013 einen ersten Höhepunkt dar. Trotz der Anstrengungen, die ihm seine Teilnahme bereitete, hinterließ er dabei den Eindruck, diese Rückkehr ins Rampenlicht zu genießen und es wirkte, als könne er daraus zusätzliche Kraft schöpfen. So arbeitete er dann auch in der Vorstandssitzung Ende Mai mit und es war ausgemacht, dass er die erste German Winner Show in Leipzig im August leiten sollte. Auf dem Weg dorthin erlitt er einen ernsten, heftigen Rückschlag. Es gelang ihm dennoch, sich bis zu seiner „Hund & Pferd“ so weit zu erholen und sich selber einen Wunsch zu erfüllen: die Ausstellung zu besuchen und am Festabend teilzunehmen. Danach deutete sich jedoch bald an, dass es vermutlich keine Hoffnung für ihn geben würde. Am 3. Dezember 2013 ist Bernhard Meyer gestorben.

Der 1958 im norddeutschen Twistringen Geborene ist auf dem Land aufgewachsen. Die Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof und seine Wurzeln im ländlichen Leben haben ihn geerdet und er blickte stolz darauf zurück. Dies prägte Bernd Meyer ebenso, wie sein späteres Studium der Mathematik und der Sozialwissenschaften auf Lehramt und seine abgeschlossene Referendarzeit an einem Gymnasium.

Seine Tätigkeit beim VDH begann 1986 in einem Cocktailsessel. Der junge Mann, war vom damaligen Präsidenten Dr. Wilfried Peper von der Effem GmbH (heute Mars) an den Hohen Wall nach Dortmund, wo seinerzeit der VDH Büroräume gemietet hatte, geholt worden. Bernd Meyer beschrieb in einem Interview selber: „Mein Büro war eine gekonnte Mischung aus Improvisation und offensichtlich leicht korrigierbarer Übergangserscheinung. Es war zuvor der Ruheraum der Mitarbeiter, die notgedrungen für eine vermeintlich kurze Episode ihr Frühstücks- und Mittagessen verlagern sollten. Ein alter Schreibtisch und ein blauer Cocktailsessel – das war damals meine Büroausstattung. Aber auch sonst war die VDH-Geschäftsstelle zu der Zeit weniger funktional und repräsentativ: Zwei Wohnungen im dritten und vierten Stock eines fünfstöckigen Hauses – ohne Fahrstuhl.“

Bereits 1987 erfolgte dann mit ihm der Umzug in die heutige Geschäftsstelle am Westfalendamm und 1990 wurde Bernhard Meyer Hauptgeschäftsführer. Es erwartete ihn mit der Welthundeausstellung bereits im Jahr darauf eine enorme Herausforderung: FCI-Generalversammlung, Welthundeausstellung und ein kynologischer Weltkongress mussten vorbereitet, organisiert und dann an zehn Tagen geleitet werden. Er selbst bemerkte später, er habe sich damals zwar keine blutige Nase geholt – obwohl bei seiner Ernennung zum Ausstellungsleiter ein Jahr zuvor kaum etwas vorbereitet war – jedoch blutige Füße. Es galt vieles  zu regeln auf dem weitläufigen Gelände der Dortmunder Westfalenhallen, die zu seiner „Hundehütte“ werden sollten und in der er einen großen Teil seines Lebens verbringen sollte. Seine Position und seine Aufgaben verlangten bis zum Schluss den ganzen Menschen und vollen Einsatz.

Nach dieser Feuertaufe setzte Bernd Meyer viele Meilensteine, wie der VDH-Präsident Prof. Dr. Friedrich in seiner Rede auf der Trauerfeier es beschrieb. Dazu gehörten der Ausbau der Geschäftsräume, der systematische Aufbau des Mitarbeiterteams und die Schaffung solider wirtschaftlicher Bedingungen für einen Dachverband, der sich auch heute nur zu knapp 15% aus den Mitgliedsbeiträgen finanzieren kann. Dieser Anteil war zu Beginn seiner Tätigkeit noch deutlich geringer und es ist ein Beleg seines Verhandlungsgeschickes und seiner Überzeugungskraft, wie er für die Beitragsreform 2003 Mehrheiten bei den Mitgliedsvereinen gewinnen konnte.

In den frühen 1990er Jahren beherrschten die Diskussionen um die so genannten „Kampfhunde“ die Arbeit des Hauptgeschäftsführers, der stets beklagte, dass dieser Begriff aus den eigenen Reihen heraus eingeführt wurde und es trotz aller Anstrengungen nie gelungen ist, diesen wieder aus der Welt zu schaffen. Auch zehn Jahre später, als nach dem tödlichen Unfall in Hamburg in nahezu allen Bundesländern neue Gesetze geschaffen wurden, die die Hundehaltung reglementieren und dabei einzelne Hunderassen diskriminieren, war das Krisenmanagement Bernhard Meyers gefordert. Er selbst räumte später ein, dass das Bemühen mit fundierten Sachargumenten und wissenschaftlicher Unterstützung die öffentliche Meinung und die politischen Mechanismen zu beeinflussen, weitgehend gescheitert ist. Dennoch gab es – auch rückblickend – keine Alternative zum damaligen Vorgehen. Nachhaltig verletzt haben ihn damals die persönlichen Angriffe und Diffamierungen, die ihm aus Teilen der eigenen Reihen entgegenschlugen. Wobei er auch immer wieder betonte, wie sehr ihn der Zuspruch und auch die Dankbarkeit betroffener Hundehalter, die keinem der Mitgliedsvereine angehörten, dafür entschädigten.

Aus dieser Niederlage heraus, entwickelte er Pläne die Strukturen des Verbandes und die Abläufe in der Geschäftsstelle auf die Erweiterung der Aufgabenfelder auszurichten. Daneben bildete die Modernisierung des Zuchtschau-Wesens, wie es seinerzeit noch hieß, einen weiteren zentralen Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Zu Beginn seiner Tätigkeit waren selbst die großen Titelschauen ziemlich nüchterne und schmucklose Veranstaltungen. Das Bild wurde geprägt von langen Boxenreihen und Ringen ohne Teppiche und wenig Dekoration. Das kleine Showprogramm würde heute  keinen Besucher mehr zum Verweilen und Zuschauen animieren und selbst die Angebote der Aussteller aus Industrie und Handel waren eher überschaubar. Die Innovationen in diesem Bereich, die Entwicklung der Zuchtschau hin zur Ausstellung mit Angeboten, die auch die Besucher mit einbeziehen dazu Information und ein Unterhaltungsprogramm machen vordergründig vielleicht am deutlichsten, wie groß der Einfluss und die Bedeutung von Bernhard Meyer für den VDH war.

Unvergessen wird dabei seine zweite großartige Weltausstellung im Jahr 2003 bleiben, die mit fast 19.000 gemeldeten Hunden und über 125.000 Besuchern nicht nur alle bis dahin geltenden Rekorde übertraf, sondern das Messegelände Westfalenhallen an die Grenzen seiner Kapazitäten führte. Die Ruhr Nachrichten nannten damals kurzerhand die Stadt um: Dogmund! Für Bernhard Meyer stellte dies eines der größten Komplimente dar, das er nach diesem ganz besonderen Ereignis zu Recht erhielt. Heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist dabei, dass er damals – durchaus gegen heftigste Widerstände – gemeinsam mit der VDH-Vize-Präsidentin Christa Bremer durchsetzte, einen Wettbewerb für Mischlingshunde auch auf der Weltausstellung anzubieten. Heute sind diese selbstverständlicher Bestandteil des Angebotes der VDH-Veranstaltungen.

Sieben Jahre zuvor stellte die erste Internationale Ausstellung in Leipzig Bernhard Meyer vor eine andere Herausforderung. Erstmals musste eine große Veranstaltung, damals noch auf der Agra in Markkleeberg, auf der in der DDR die Landwirtschaftmessen beheimatet waren, aus der Distanz vorbereitet werden. Dies stellt bis heute eine große logistische Herausforderung für den Mitarbeiterstab der Geschäftsstelle dar. Dennoch ist es gelungen, diese Veranstaltung von Jahr zu Jahr weiter zu entwickeln und Bernhard Meyer setzte dabei immer wieder neue Ideen um. Inzwischen wird die German-Winner-Show im Rahmen der „Hund & Katz“ in der neuen Messe durchgeführt und sie zählt mit zuletzt über 6.000 gemeldeten Hunden und 37.000 Besuchern zu den größten Ausstellungen Deutschlands.

Die Erweiterung der Ausstellungen mit zusätzlichen Angeboten wie zunächst einer Heimtiermesse und inzwischen Katzenausstellungen findet seinen Höhepunkt in der „Hund & Pferd“, in der seit 2006 die VDH-Bundessieger-Ausstellung eingebettet ist. Die Idee, weitere hundeaffine Besucher zu erreichen, reifte lange und Bernd Meyer musste erst die wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen, um die finanziellen Risiken der Premiere kalkulierbar zu machen. Inzwischen ist diese Messe mehr als etabliert und lockt regelmäßig 70.000 bis 75.000 Besucher aus einem weiten Umkreis nach Dortmund, wo die Veranstaltungen des VDH inzwischen einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellen.

Es ist Bernhard Meyer immer wieder gelungen, Menschen für Ideen zu begeistern, Mut zu fassen, neue Wege zu beschreiten. Es fiel ihm scheinbar leicht, Verbündete zu finden, Mitstreiter zu motivieren. Ein Schlüssel zu seinem Erfolg stellte sicher seine absolute Loyalität dar. Sie bewies er in alle Richtungen. So stellte er sich stets vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sowohl seine Begleiter aus dem ehrenamtlichen Bereich als auch die Mitglieder des Vorstands wussten stets: auf ihn kann man sich verlassen.

Innovativ dachte und handelte er auch in anderen Bereichen der Hundewelt. Etwa als er 1994 gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten Uwe Fischer die Voraussetzungen zur Bildung der Gesellschaft zur Förderung Kynologischer Forschung (gkf) schuf und an deren Gründung er maßgeblichen Einfluss hatte. Gemeinsam mit Helga Eichelberg, der Vorsitzenden der gkf seit ihrer Gründung, ging es ihm auch darum, den Hund jenseits der Veterinärmedizin wissenschaftlich zu entdecken. Mit dem Projekt „Hunde in Bewegung“ ist ihm dies nachhaltig gelungen, denn die Ergebnisse der Jenaer Studie von Prof. Dr. Martin Fischer wurden 2011 als Bücher in deutscher und englischer Sprache herausgebracht und gelten inzwischen als Standardwerke im In- und Ausland. Wie sehr ihm die Arbeit der gkf am Herzen lag, macht auch die Bitte seiner gesamten Familie deutlich, anlässlich seiner Beisetzung für die Gesellschaft zu spenden.

Ein weiterer Meilenstein auf seinem Weg ist auch die Umsetzung der großen Satzungsreform, die über Jahre entwickelt und für die 2007 die ersten Beschlüsse gefasst wurden. Gemeinsam mit Präsident Christofer Habig hat Bernhard Meyer viel Überzeugungsarbeit geleistet. Dies mussten die beiden auch, um aus Konflikten, die in der Zusammenarbeit mit dem Jagdgebrauchshund-Verband (JGHV) entstanden waren, eine intensive und partnerschaftliche Zusammenarbeit entstehen zu lassen. Bernd Meyer konnte Visionen entwickeln und von anderen aufgreifen. Er hat sie immer auf einem soliden Fundament aufgebaut. Im Grunde war er Visionär – hatte das jedoch stets heftig von sich gewiesen.

Die Gründung der VDH-Akademie im Jahre 1999 war ihm eine weitere Herzensangelegenheit, weil Bernd Meyer früh erkannte, dass Sachkunde in fast allen Bereichen der Hundehaltung und -zucht einen immer größer werdenden Einfluss haben wird. Auch hier gab er sich nicht mit einmal Erreichtem zufrieden. Immer wieder stellte er Lösungen in Frage, ließ es nicht zu, sich es in Routinen bequem einzurichten. Die Angebote der Seminare, Kurse und Workshops sind heute andere als damals. Die Einführung der modularen Kurse für Züchter, Zuchtrichter und Zuchtverantwortlichen 2012 sind die letzte große Reform, an der Bernd Meyer mitwirkte und deren Erfolge er noch miterleben konnte. Zu den Grund- und Basiskursen, die inzwischen auch dezentral angeboten werden, erhält die Akademie regelmäßig bis zu 200 Anmeldungen.

Seine besonderen Fähigkeiten wurden auch international sehr geschätzt: als Mitglied der Ausstellungskommission, als FCI-Beobachter bei den Titelschauen oder als Gesprächspartner auf den Generalversammlungen und Tagungen. So war er einer der wenigen Referenten, die 2011 auf dem Kynologischen Symposium anlässlich des 100-jährigen Bestehen der FCI in Brüssel seine Perspektiven für Ausstellungen und Messen vorstellen durfte. Umso mehr hat es ihn geärgert, dass die FCI-Generalversammlung 2013 nicht der Bewerbung des VDH, die er maßgeblich vorbereitet hatte, gefolgt ist –Bernhard Meyer wollte ein dritte Welthundeausstellung: 2017 in Leipzig. Wie stark seine Kämpfernatur ausgeprägt war, verdeutlichen seine letzten Aufzeichnungen, die er kurz vor seinem Tod gemacht haben muss. Darin skizziert er, wie eine erneute Bewerbung vorzubereiten und am besten umzusetzen ist. Resignieren war seine Sache nicht.

Udo Kopernik

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