Hunde züchten – warum? Und falls ja, wie?

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Autor: Udo Kopernik,
Pressesprecher des Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH)

Erschienen in der KLEINTIERMEDIZIN Nr. 3/13 Mai/Juni 2013

Bei einer Anhörung zur Änderung des Tierschutzgesetzes vertraten die Repräsentanten einer Bundestagsfraktion die Position, dass sie im Grundsatz Regelungen zur Heimtierzucht und -haltung ablehnen würden. Die Begründung: weil sie sich strikt gegen die Heimtierhaltung wenden, seien somit Regelungen, die über ein Haltungsverbot hinausgingen nicht erforderlich. Das liegt inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte zurück und die Partei ist inzwischen in der Realität und in mancher Regierungskoalition angekommen.

In der Kleintierpraxis wird man die Frage, ob Hundezucht sinnvoll und notwendig ist, alleine aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten vermutlich anders beurteilen. Aber, und das ist das Wesentliche, unabhängig von derartigen Betrachtungen, haben Tierärzte und Hundezüchter eines mit den meisten Menschen gemeinsam: sie schreiben den Hunden – nicht deren Haltern – überwiegend positive Eigenschaften zu. Da sind sich die Nicht-Hundehalter mit den Hundehaltern einig: Hunde haben eine wichtige Funktion als Polizei-, Blinden- und Rettungshunde; Hund helfen gegen die Vereinsamung älterer Menschen; Hunde sind im Allgemeinen liebenswerte Tiere; Hunde sind intelligent; Hund tragen zur Gesundheit bei oder mit Hunden fühlt man sich sicherer, waren Antworten, die Nichthundehalter bei einer Umfrage des IVH gaben. Es überrascht nicht, dass in der selben Studie auch die große Zuneigung der Hundehalter zu ihren Vierbeinern bestätigt wurde. Auf den ersten Blick jedoch erstaunlich, welche Begründungen dafür abgegeben wurden. Hier waren es weniger sachliche Argumente für die Hundehaltung, die im Vordergrund standen. Über 80% sagten: „Ich mag Hunde einfach.“ Und erst bei 22% der Befragten folgten Eigenschaften, die bei den Nicht-Hundehaltern ganz oben auf der Sympathieskala rangierten. Emotionen spielen also eine große Rolle und vielleicht auch Intuition, die aus dem Jahrtausende währenden Zusammenleben resultiert.

Seit über 15.000 Jahren sind sie zusammen und einander vertraut. Mensch und Hund betrachten sich gegenseitig als Sozialpartner. Die daraus resultierende gegenseitige Beeinflussung beschreibt am plausibelsten das Modell der Co-Evolution von Schleidt und Shalter, die eine alte Primatenweisheit des Egoismus so umschreiben: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral. (Brecht) Zuerst das eigene Interesse und wenn dann noch etwas übrig bleibt, praktizieren wir Vetternwirtschaft.“ Kaniden hingegen kooperieren ausgeklügelter und weitsichtiger. Den Nachwuchs gemeinsam zu betreuen und erziehen, die Versorgung der älteren Mitglieder einer Gemeinschaft – die Aufstellung eines „Rentenplans“ wie ihn der Zoologe Dan MacNulty beschreibt – sind Lebensmodelle die man bei Kaniden findet und die Primaten eher „abgehen“. Es spricht vieles dafür, das der Mensch sich bei seinen Hunden etliches abgeschaut hat, um erfolgreicher zu werden. Dieses Modell der gegen- und wechselseitigen Beeinflussung hat in den verschiedensten Kulturen – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – stattgefunden und wirkt auch weiterhin fort, wie Josef Müller in seinem kulturhistorischen Betrachtungen ausführt (Auf der Spur des Gefährten).

Vertrauen wir also der Intuition der Hundehalter und kürzen an dieser Stelle ab. Wir brauchen Hunde. Weniger aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen sondern weil sie uns und unserer Gesellschaft einfach gut tun. Es wäre dann auf der anderen Seite aber nur richtig, wenn die Hunde das von uns auch behaupten könnten. Tun wir ihnen gut? Oder entwickelt sich die Co-Evolution zur Einbahnstraße. „Das Leben der Heimtiere wirkt auf den ersten Blick komfortabel. Bei näherem Hinschauen stellt es sich aber durchaus auch als nicht unproblematisch dar. Sie haben zwar ihre Individualität nicht verloren, sehr häufig aber die Chance eines bedarfsgerechten Lebens. „Heimtiere sind häufig Opfer der züchterischen Kreativität geworden und das gereicht ihnen durchaus nicht immer zum Wohle,“, so Helga Eichelberg zur Eröffnung des Kongresses der DVG-DGK im letzten Oktober. Dass dies so ist, hat mit der Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Tier zu tun, die sich in den letzten Jahrzehnten enorm veränderte. Denn während auf der einen Seite völlig ausgeblendet wird, wer denn wohl den Chicken Wing zunächst trug oder wer für den Burger oder den HotDog durch den Wolf gedreht wurde, haben wir die Heimtiere – und hier insbesondere die Hunde – immer näher an den eigenen Pelz herangezogen und vereinnahmt. So wird das Hegelsche Für-Sich endlich auch für den Hund gefordert. Er soll das gleiche Recht auf die ihm gemäße Individualität, auf seinen eigenen „Willen“ haben wie sein Herr. Menschlicher geht es nicht mehr (Wippermann und Berentzen).

Scheinbar im Widerspruch dazu setzen Moden dem Hund zu. Im Grunde jedoch nur eine andere Form auf den Weg zur Individualisierung. Hunde werden auch als Accessoire gesehen, die das eigene Image fördern und beflügeln sollen. So werden Übertreibungen von Rassemerkmalen erzeugt. Groß ist nicht genug - riesig ist besser. Wenn klein schön ist, ist winzig schöner. Und wenn kurznasig niedlich ist, ist dann nasenlos reizvoller? Und es ist keineswegs so, dass „die Züchter“ sich solche Formen der Übertypisierung „ausdenken“ und sich damit einen Markt schaffen. Es ist der „Markt“, der solche Trends begünstigt und im Gegenzug sein Gewissen damit beruhigt, wenn er auf die „Züchter“ schimpft.

Die Entwicklungen im letzten Jahr, als Medien und in deren Folge auch die Politik ein besonderes Augenmerk auf die brachyzephalen Rassen richteten, sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie oberflächlich sowohl die Wahrnehmung als auch die Suche nach Lösungsansätzen bleibt.

Im Bundeslandwirtschaftsministerium war man entschlossen, bei anstehenden Änderungen des Tierschutzgesetzes auch ein Ausstellungsverbot für so genannte Qualzuchten aufzunehmen. Die heftige Medienresonanz auf die Ereignisse der letzten Crufts, der größten Hundeausstellung der Welt, die jährlich in Birmingham stattfindet, zeigte Wirkung. Auf der Crufts waren bei 15 Rassen die Gewinner von einem Tierarzt auf ihren Gesundheitszustand untersucht worden und sechs davon durften dann am abschließenden Finale nicht teilnehmen. Halten wir fest: Von weit über 20.000 ausgestellten Hunden wurden 15 untersucht. Das wurde auch bei uns in den Medien wie ein Durchbruch in der Hundezucht gefeiert. Doch diese Disqualifikation „auf dem Platz“ hat keineswegs zur Folge, dass mit dem betroffenen Hund oder seinen Konkurrenten, die der Tierarzt überhaupt nicht zu Gesicht bekam, in der Folge nicht mehr gezüchtet werden darf. Selbst ein weiteres Ausstellungsverbot zog die Entscheidung nicht nach sich. Und so mag beim nächsten Auftritt ein anderer Tierarzt den Hund anders beurteilen und alles geht wieder seinen gewohnten Gang.

Es wurde jedoch öffentliche Aufmerksamkeit erzielt. Wer allerdings daraus die Hoffnung entwickelte, nun sei der Weg frei, gegebene Missstände ursächlich anzugehen, wurde rasch enttäuscht. Was folgte, waren Forderungen, die sich einzig und allein an den Züchtern innerhalb des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH) orientierten. Tierschützer forderten tierärztliche Kontrollen aller Hunde auf der Ausstellung – man hatte schon erkannt, dass 15 von 20.000 nicht besonders effektiv sein kann – und im Landwirtschaftsministerium wurde das Ausstellungsverbot in den Entwurf der Tierschutzgesetz-Novelle aufgenommen.

Ein Dilemma dieser Ansätze ist jedoch, dass die gegebenen Verhältnisse ausgeblendet bleiben. Innerhalb des VDH setzen die Bemühungen, Qualzuchten zu vermeiden, früher und damit ursächlicher an. Dieses System ist effizienter, weil durch Zuchtzulassungsprüfungen und entsprechende Gesundheitsüberprüfungen sichergestellt werden soll, dass nur gesunde Hunde in die Zucht gelangen können. Eine grob orientierende Untersuchung auf einer Ausstellung kann nicht leisten, was Röntgenuntersuchung der Hüfte und der Luftröhre, die Ultraschalluntersuchung des Herzens und ein Belastungstest, wie sie z.B. die English Bulldogs unter der Zuchtkontrolle des VDH absolvieren müssen, leisten können.

Zudem wird durch die Fokussierung auf die organisierte Hundezucht ein falsches Signal gesetzt. Auch wenn es für den VDH-Züchter schmeichelhaft erscheint, traut man ihm zu, den Publikumsgeschmack einer breiten Öffentlichkeit beeinflussen zu können; so muss man doch erkennen: die Musik wird woanders gemacht. Betrachten wir die brachyzephalen Rassen, die man ins Visier genommen hat. Die Zahlen der im VDH gezüchteten Hunde sind da alles andere als beeindruckend. Im Jahr 2012 wurden in die Zuchtbücher eingetragen: 545 (2011: 693) Möpse,

312 (301) Französische Bulldoggen und 8 (46) English Bulldog. In jedem der beiden größten Internetportalen am Markt oder auch bei den Ebay-Kleinanzeigen lassen sich regelmäßig an einem Tag folgende Angebote (in den meisten Fällen Würfe und nicht einzelne Hunde) finden: ca. 200 für den Mops, über 300 Französische Bulldoggen und deutlich über 100 English Bulldog. Die Frage darf nicht nur erlaubt sein sondern muss gestellt werden: Was wird sich daran ändern, wäre ein Ausstellungsverbot erteilt worden? Wir sehen diese Rassen auf der Ausstellung nicht mehr in so hohem Maße wie bisher? Auf der Europasieger-Ausstellung des VDH 2012 hatten diese drei Rassen insgesamt einen Anteil von 2,3% der über 5.000 gemeldeten Hunde. Damit soll ein Markt beeinflusst werden? Ich vermute, Lotte, English Bulldog und Studiohund im Frühstücksfernsehen, erreicht ein größeres Publikum – und das vor der Kamera keuchend fast jeden Tag.

Eine ernsthafte Lösung der ohne Zweifel bestehenden Probleme sieht anders aus: die Zucht von Hunden und der Handel mit ihnen müssen kontrolliert werden. Wie das geht, zeigen die Züchter im VDH. Was bei dieser Form der freiwilligen Selbstkontrolle herauskommt, ist jedoch ernüchternd. Denn in den letzten Jahren ist die Zahl der in die Zuchtbücher der VDH-Mitgliedsvereine eingetragenen Hunde deutlich um mehr als 32% auf 80.544 im Jahr 2011 zurückgegangen. Bei den English Bulldogs waren es im vergangenen Jahr ganze 8 Welpen. Da sich die Zahl der Hunde in Deutschland in den letzten Jahren jedoch leicht erhöht hat auf ca. 5,4 – 5,8 Millionen (VuMA 2013), scheint deutlich zu werden, dass strenge Zuchtkontrollen und die Forderung und Förderung der Sachkunde bei Züchtern, nicht unbedingt als Erfolgsmodell bezeichnet werden kann, sondern sich zunehmend zum Nischenprodukt entwickelt. Das hilft dem Hund aber wenig.

Ein Vertrauen auf die Lenkungseffekte des „Marktes“ kann in einer Gesellschaft kaum erfolgreich sein, bei der nahezu alles über den Preis und wenig über die Qualität entschieden wird – Smartphones und Autos vielleicht ausgenommen. Nichts scheint so verlässlich wie das kurze Gedächtnis des Verbrauchers – es funktioniert sogar beim Kauf von Lebensmitteln. Die Aufregung um Pferdefleisch in der Lasagne ist zwar noch in abklingender Erinnerung. Die Frage, wie in einem Fertiggericht zum Preis von 1,46 Euro überhaupt Fleisch enthalten sein kann, stellten sich aber nur wenige.

Und während es in nunmehr allen Bundesländern Vorschriften gibt, die zum Teil bis ins Detail regeln, was der Hundehalter alles an Sachkunde nachzuweisen hat bis hin zur Ablegung eines Hundeführerscheins, bleibt die Zucht weitgehend außen vor. Daran ändert auch die Erlaubnispflicht für gewerbsmäßiges Züchten im Tierschutz-Gesetz wenig. Denn wenn es z.B. keine Pflicht zur Röntgenkontrolle der Hüfte gibt, entfaltet die Forderung nach einem Zuchtausschluss ab dem HD-Grad „leicht“ keine Wirkung.

Nur ein Heimtierzuchtgesetz wird die Ursachen bestehender Missstände beseitigen können. Alle Bemühungen der letzten Jahrzehnte, mit anderen Maßnahmen Fortschritte zu erzielen, haben – außer auf dem Papier – keine Verbesserungen erzielen können, sondern die freiwillige Selbstkontrolle mehr und mehr in ein immer kleiner werdendes Reservat verdrängt. Für unsere Haustiere, die in Heim- und Nutztiere (was für ein Wort!) eingeteilt werden, ergeben sich zwei sehr verschiedene Ordnungswelten. Denn während das Tierzuchtgesetz für die Nutztiere einen grundsätzlichen Rahmen steckt und Kontrollmechanismen vorsieht, gibt es vergleichbare Regeln für die Heimtiere nicht. Die kommen dafür bei der Haltung deutlich besser weg. Die Tierschutz-Hundeverordnung und die entsprechenden Gesetze der Länder gehen sehr ins Detail bis hin zu Einschränkungen bei einzelnen Hunderassen. Auf der anderen Seite sieht es in den Ställen der so genannten Nutztiere weniger rosig aus.

Ein Dilemma, dem Zuchtverbände und Tierschutz-Organisationen bei ihrer gemeinsam vorgetragenen Forderung nach einem Heimtierzuchtgesetz begegnen, stellt die Zuständigkeit der Bundesländer bei der Umsetzung dar. Deren Kassen sind leer und eine Ausdehnung der Kontrollen durch die Veterinärbehörden ist personell und finanziell nicht ohne weiteres zu stemmen.

Das Zuchtwart-System im VDH lässt sich in der bestehenden Intensität nur umsetzen, weil die zahlreichen Zuchtstätten-Besichtigungen und Wurfkontrollen durch ehrenamtlich tätige Mitarbeiter der Zuchtvereine erbracht werden.

In anderen Bereichen ist es jedoch gelungen, derartige Hindernisse und den Mangel an qualifiziertem Personal zu überwinden, in dem durch Beleihung – z. B. bei der technischen Überwachung, bei Personen- und Gepäckkontrollen an Flughäfen oder beim Fleischbeschau durch die niedergelassenen Tierärzte – solche Aufgaben an Personen oder Organisationen übertragen wurden. Im Bereich der Heimtierzucht könnte man hierfür über Tierärztekammern, den Bundesverband Praktizierender Tierärzte, den Zucht- und Tierschutzverbänden auf bereits vorhandene Organisationstrukturen zurückgreifen. Unsere Hunde hätten es verdient.

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